Die Telefunken-Story
Auf über 50 CDs liegen jetzt Telefunken-Originalaufnahmen vor. Dieses Digi-Pack vorab als "Einstiegsdroge", die einen kleinen Ausschnitt aus dem Repertoire des Kultlabels vorstellt. Viele Songs erscheinen erstmalig auf CD. Nachdem eastwest records sich auf Grund des steigenden nationalen und internationalen Interesses an deutscher Pop Musik entschieden hatte, das Telefunken-Label wiederzubeleben, hat die Hamburger Firma Michels Music Consulting hat in den alten Telefunkenarchiven recherchiert und ungeheure Schätze ans Licht gefördert. Das Anliegen war, wichtige musikalische Zeitdokumente ins digitale Zeitalter zu retten. Alle Aufnahmen wurden aufwendig restauriert und digital nachbearbeitet, um bestmögliche Klangqualität zu erreichen. Alle 50 CDs wurden grafisch hochwertig gestaltet. In mehrseitigen Booklets werden seltene Photos durch interessante Informationen ergänzt. Ein hervorragendes Dokument deutscher Pop-Kultur, von den Anfängen der Schallplatte bis zum Beginn des CD-Zeitalters in den 80ern.
Im Wohnzimmer meiner Großeltern und später meiner Eltern, stand ein Möbelstück, das besser als das Auto behandelt wurde. Gehütet wie ein Augapfel und stets frisch poliert: die Musiktruhe von Telefunken. Es war immer wie eine Zeremonie, wenn Mutter ihre Schlagersingles von Vico Torriani rausholte, oder Vater voll aufgedreht The Boots oder Didi and his ABC-Boys hörte. Ich saß dann immer ehrfürchtig vor dem grünen magischen Auge, der dezent beleuchteten Sendersuchlaufskala und dem Zehn-Platten-Wechsler. Waren Mama und Papa mal nicht da, stellte ich mir aus ihren Platten meine eigenen Top-Ten zusammen. Vielseitig wie das Angebot im Schrank waren meine kindlichen Hitparaden: Manuela, Drafi Deutscher, Hildegrad Knef, Gerd Böttcher, Silvio Francesco, France Gall, Catharina Valente, Michael Holm, The Boots und Hans Albers war eine beliebte Reihenfolge, die ich dann auf dem Flokati liegend genoss. Singles und Musiktruhe hatten eines gemeinsam: Sie alle waren mit dem legendären Telefunken-Markenzeichen versehen. Später hatte ich dann von der selben Firma meinen eigenen Kofferplattenspieler. Endlich konnte ich mir Singles kaufen und meine damaligen Lieblingsbands ungestört hören. Da drehten sich dann ganz andere Sachen auf dem Plattenteller: Das Dritte Ohr, The Beatles Revival Band - und ganz oben Udo Lindenberg. Mit Telefunken bin ich aufgewachsen: Platten und Abspieler gehören untrennbar zu meiner Kindheit und Jugend.
Rückblickend erscheint die Telefunken wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Labels waren damals noch untrennbar mit dem Schicksal richtungsweisender Künstler verbunden. Innovation und Experimentierfreudigkeit wurden großgeschrieben. Talentförderung war keine Unbekannte und vielen Künstlern wurde Zeit gelassen, sich zu entwickeln. Im heutigen Musikgeschäft undenkbar, geht es doch um den schnellen, kurzfristigen Erfolg. Jedes Telefunken-Jahrzehnt brachte Kultstars hervor. Ohne Telefunken, wären viele deutsche Künstler nicht da, wo sie jetzt sind. Die progressive Rockmusik der 70er fand hier eine Heimat und Bands wie "King Pin Meh", "Gift" oder "Satin Whale" hätten ohne die Kultmarke wahrscheinlich nie eine Platte veröffentlicht.
Die Telefunken-Ideologie war offen. Eine stilistische Festlegung gab es nicht. Die Firma war Heimat fast aller Musikrichtungen, von Klassik über Jazz bis Rock. Wenn es so etwas wie eine Philosophie gab, dann die, Künstlern eine Familie zu geben und Begleiter beim Aufbau der Karriere zu sein.
Hervorgegangen ist die Telefunken aus der Deutschen Ultraphon Aktiengesellschaft. Diese war 1931 in Schwierigkeiten geraten. Trotz gut laufender Geschäfte war deren Konkurs Anfang 1932 nicht mehr abzuwenden. Acht Monate lang konnten keine Aufnahmen mehr gemacht werden, die Künstler dafür nicht mehr bezahlt werden. Die Marken der Ultraphon waren schon umgeschrieben - ein Unternehmer aus Holland hatte sie gekauft, als die Rettung kam.
Die "Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m. b. H.", zum Teil verbunden mit der AEG, hatte bereits 1903 den Namen "Telefunken" angemeldet und schützen lassen, ohne dabei an Rundfunkgeräte oder Schalplatten zu denken. Anfang der 30er war die Firma inzwischen zum führenden Rundfunkgerätehersteller geworden. Sie hatte die ersten Plattenspieler für die elektro-akustische Schallplattenwiedergabe konstruiert. Schließlich fragte man sich, warum auf ihren eigenen Geräten immer nur Platten von anderen Firmen abgespielt wurden, zumal auch die damals für die Herstellung notwendigen Pressmatrizen bereits auf Telefunken-Apparaturen geschnitten wurden.
Im März 1932 bot sich die Möglichkeit zuzugreifen: Am 22.3. kaufte die Telefunken das gesamte Matrizenlager der Ultraphon, inklusive sämtlicher Verwertungsrechte, darunter auch Aufnahmen von Marlene Dietrich. Das alles für den damals lächerlichen Preis von 100 000 Reichsmark. Zum Paket gehörte auch die Fabrikationsstätte in Berlin. Im Juni 1933 wurde das Wortzeichen "Telefunken" u.a. für Schallplatten in das Warenverzeichnis eingetragen, das legendäre Telefunken-Logo im Frühjahr 1937 geschützt.
Die neue Firma hatte jetzt ihren Sitz in Berlin-Tempelhof. Durch die Einbindung in den Telefunken Konzern war auch das nötige Geld da. Trotzdem dauerte es noch eine Zeit, bis die Aufnahme- und Produktionstätigkeit wieder aufgenommen wurde. Zunächst verzichtete man wegen Arbeitslosigkeit und Rezession in Deutschland auf die Herstellung neuer Produkte. Trotzdem hatte die neue Firma große Marktvorteile: Neben den Finanzreserven war auch der - von der Ultraphon übernommene - Aufnahmestab wichtiges Kapital. In den nächsten Jahren sollte das Team unter seinem Leiter Herbert Grenzebach erneut sein Können unter Beweis stellen.
Das neue Aufnahmestudio wurde in der altehrwürdigen Berliner Singakademie eingerichtet. Dieser klassizistische Saal bot eine einzigartige Akustik und ideale Bedingungen für die Aufnahmen der Telefunken. Auf der Bühne konnten bequem 100 Musiker Platz nehmen und dazu ein Chor mit 200 Mitwirkenden. Für kleinere Besetzungen konnte der Raum durch Vorhänge beliebig verkleinert werden. Die gute Finanzdecke machte eine ordentliche Aufnahmeplanung möglich. Außerdem veröffentlichte die Telefunken das Matrizenlager der Ultraphon - unschätzbar wertvolle Aufnahmen.
Zwischen 1934 und 1944 hatte sich Telefunken zu einer führenden Marke entwickelt, der Marktanteil betrug zeitweise 34 bis 36 Prozent. Damals eine bemerkenswerte Größe, zumal die Konkurrenz mit etablierten Unternehmen wie Grammophon, Lindström und Electrola nicht schlief. Um Künstlern bessere Bedingungen zu geben, führte Telefunken als erste deutsche Schalplattenfirma eine Umsatzbeteiligung ein. Zur Förderung der Musiker wurde ein eigenes Werbe- und Künstlerbüro "Unter den Linden" eingerichtet. Aufgabe war Planung und Durchführung von Konzerten, sowie die Werbung für Künstler und deren Platten, auch das damals eine Novität in Deutschland. Anfang der 30er gelang es Telefunken die Aufnahmetechnik zu revolutionieren. In der Singakademie gab es hervorragende Möglichkeiten für akustische Spielereien, die so bisher noch nicht zu hören waren. Die besten Ingeneure und Erfinder entwickelten Mikrofone und Aufnahmetechniken.
Der Telefunken Sound blieb bis in die 50er weit über dem Durchschnitt anderer Aufnahmen. Das Label sammelte Erfolge, auch weil Musikaufnahmen damals zum Teil an erfolgreiche UFA-Filme gekoppelt waren. Bis Ende der 50er entstanden rund 10 000 Platten von verschiedensten Interpreten, die zum Teil alle große Verkaufserfolge wurden, darunter Hits von Hans Albers, Vico Torriani und Lale Andersen.
In den 60ern veröffentlichte Telefunken, neben Singles hochwertige LPs von Hildegard Knef, France Gall, Drafi Deutscher oder Hans Albers. Damit war die Firma eine der ersten überhaupt, die Langspielplatten auf den Markt brachte. Die Produktionen wurden überaus erfolgreich, auch deshalb, weil das Label ihren Künstlern kaum reinredete und viel Freiheit gab. Später in den 60ern wurde die Telefunken mit deutschen Schlagern besonders erfolgreich. Auch hier war man wieder der Innovation verpflichtet. Bereits auf einer frühen Aufnahme von Vico Torriani "Café Oriental", wurde mit weltmusikalischen Klängen experimentiert.
Manuela gelang es Beat-, Souleinflüsse in den Schlager zu bringen englischsprachige Pop-Songs "einzudeutschen". "Schuld war nur der Bossa Nova" verkaufte 1963 als erfolgreichste Platte des Jahres über 500 000 Stück. Manuela wurde zum ersten deutschen weiblichen Teenageridol.
Die Telefunken hatte häufig ein gutes Gespür und eine hohe Trefferquote. Viele Schlagerveröffentlichungen wurden Riesen-Hits, Künstler wie Michael Holm zum Teenie-Schwarm und Hitparaden-Dauergast. Songs wie "Marmor Stein und Eisen bricht" von Drafi Deutscher, "Tschau, Tschau Bambina" von Caterina Valente, "Für Gabi tu ich alles" von Gerd Böttcher, Hildegrad Knef mit "Mackie Messer", "Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut" von Billy Mo, "Sag mir Quando, sag mir wann (Quando, Quando)" von Silvio Francesco & Caterina Valente oder die deutsche Original-Version von "El Condor Pasa", "Nur Du" von Jürgen Marcus sind heute Evergreens.
Wie andere Firmen auch, nahm die Telefunken in dieser Zeit einige Beat-Bands unter Vertrag. Die wohl bekanntste waren The Boots - Mitte der 60er eine der wichtigsten deutschen Bands. Während andere Beat-Bands dieser Zeit sich hauptsächlich am softeren Beat orientierten, waren die Vorbilder der Boots, die schwarzen Rhythm ´n´ Blues-Musiker aus den USA, wie John Lee Hooker und Muddy Waters. Sie klangen mehr wie die Rolling Stones oder Them. Bis dato hatte es keine deutsche Kapelle gewagt, solch raues Material auf Vinyl zu bannen. Die Boots wurden - auch dank Telefunken - zu einer der legendärsten deutschen Rock-Bands. Der große internationale Erfolg blieb leider aus, obwohl das Material allemal auf dem damaligen Markt mithalten konnte.
Daneben gab es noch "Didi and his ABC-Boys" aus Berlin. Sie deutschten vorrangig Beatles-Nummern ein, veröffentlichten aber auch Eigenkompositionen. "The Hound Dogs" waren noch eine Spur härter, ihre Platten haben viele deutsche Beatmusiker inspiriert.
In den 70er Jahren war die Telefunken erste Heimat für Peter Maffay und Udo Lindenberg. Letzterer bekam als erster deutscher Rocksänger der Musikgeschichte einen Millionenvorschuss für fünf Alben. Damals galt noch die Philosophie einen Künstler langfristig aufzubauen. Bei Lindenberg und vielen anderen hatte sich die Investition gelohnt. Ohne die Telefunken hätten viele progressiven Rockbands niemals eine Platte machen können und legten wegweisende Alben vor.
In den 80ern blieb Telefunken seiner Philosophie treu. Die neue deutsche Welle brachte der Firma Riesen-Hits. Mit Falco wurde erneut ein Künstler langfristig aufgebaut und etabliert. Das erste deutschsprachige Blues-Album "Zahltag" der Band "Das Dritte Ohr" bekam sogar den Preis der deutschen Schalplattenkritik und Ton Steine Scherben schlossen mit Telefunken ihren ersten und einzigen Industrie-Deal.
Seit Mitte der 80er erschienen keine Platten mehr auf dem Label Telefunken. Man fand das Logo und die Marke nicht mehr zeitgemäß. 1988 wurde die Teldec = Telefunken-DECCA = Schallplatten GmbH von der Warner-Music Group übernommen und damit Teil des damals weltgrößten Medienkonzerns "Time Warner". Zurück blieb ein gigantischer Nachlass von Klassik bis Rock.........
Nur Schade, dass es Omas Musiktruhe nicht mehr gibt. Meine Eltern haben sie irgendwann Mitte der 80er weggeschmissen. Zum Glück macht diese CD - zumindest musikalisch - ein Stück meiner Kindheit und Jugend wieder lebendig ....
Arno Köster
(HINWEIS: Herr Köster ist Autor des obigen Textes, nicht aber Betreiber dieser Webseite!)
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